Vergangenen Dienstag gingen zehntausende SchülerInnen und Studierende auf die Straße, um für eine bessere Bildung und somit für ihre Zukunft zu demonstrieren.
Sie forderten eine grundlegende Reform des Bildungssystems und eine Umstrukturierung dessen Wesens.
Aber ist das denn überhaupt möglich, ohne das Problem wesentlich tiefgreifender zu hinterfragen?
Schließlich dient das derzeitige Bildungssystem einem ganz entscheidenen Zweck.
Jede und Jeder durchläuft, bevor es ans Arbeiten geht, eine mehr oder weniger lange Schullaufbahn (und evtl ein Studium), in der sie auf das Arbeitsleben, das sie erwartet, vorbereitet werden.
Doch nicht nur Qualifikation und Wissen werden in dieser Zeit erlangt, sondern man lernt auch, dass man sich Autoritäten zu beugen hat und Regeln befolgen muss.
Das wäre – verliefe das ganze in einem vernünftigen Rahmen – durchaus nachvollziehbar, schließlich muss der Unterricht ja in irgendeiner Art und Weise geregelt werden, um überhaupt Frucht zu tragen.
Doch das, was täglich an unseren Schulen und Unis passiert, übersteigt jegliches Maß an vernünftiger Regelung oder Ordnungsstreben. Es werden teilweise Regeln aufgestellt, die sich jeglicher Einsicht verwehren. Das fängt mit Trink- und Essverboten im Unterricht an geht über das Verbot von Kaugummis bis zur Anwesenheitspflicht. Jeder Wunsch, jedes Bedürfnis, das ein Schüler hat, muss vorher vom Lehrer auf seine Berechtigung geprüft werden. Aufs Klo gehn, Fenster aufmachen, nichts geht ohne Einwilligung des Lehrers.
Doch das enorme Hierarchiegefälle zwischen Lernenden und Lehrenden scheint vielen zunächst unnötig.
All diese Dinge sind jedoch durchaus nicht ohne Sinn und Zweck. Sie bereiten die Schüler auf das vor, was auch „draußen“ von ihnen erwartet wird.
Durch Notendruck und Disziplinarmaßnahmen formt die Schule ihre Produkte schon im vorherein so, dass sie für Staat und Arbeitgeber leicht handhabbar gemacht werden und lernen das herrschende System samt Hierarchie und Repression zu akzeptieren. Ihre ganze Schullaufbahn durch werden die Schüler immer mehr daran gewöhnt, dass sie nichts zu sagen haben, wenn sie nicht gefragt sind. Und die scheinbare Mitbestimmung der SchülerInnen über SMV o.ä. verliert sich in einer Farce der repressiven Toleranz, bei denen den SchülerInnen eine Spielwiese zum Austoben gegeben wird. Wer sich damit nicht zufrieden gibt, wird zurückgewiesen. Aber wer beschließt wirklich Dinge wie G8, Studiengebühren, die Inhhalte der Lehrpläne, Büchergeld und Co? Bei wichtigen Fragen wird kein einziger Schüler auch nur ansatzweise miteinbezogen. Nicht einmal die Eltern oder LehrerInnen haben einen Ton mitzureden. Über wichtige Dinge entscheidet das Ministerium, also im Klartext: der Staat.
Doch auch die Noten spielen in der Formung der SchülerInnen eine große Rolle.
Einerseits erzeugen sie Druck, der nicht nur zum Lernen anregen soll, sondern auch von früh auf an Leistungsdruck und Konkurrenzdenken gewöht. Die SchülerInnen werden auf Stressresistenz geprüft und gegebenen Falls aussortiert.
Andererseits dienen sie zur Selektion in „gute“ und – wie man so schön sagt – „schwache“ SchüerInnen, was aber oftmals wenig mit der Intelligenz der SchülerInnen zu tun hat, sondern vielmehr wie sehr er/sie „sich reinhängt“, soll meinen, wie sehr man sich auf den gegebenen Stoff einlässt. Dabei ist es ganz egal, ob Interesse besteht, oder schiere Ablehnung herrscht.
Es wird also geprüft wie gut man von oben Gegebenes schluckt und spurt (in diesem Fall lernt), oder eben nicht und so durch das Raster bzw. die Klasse fällt. Der zu lernende Stoff wird – ist er überhaupt relevant – an der Nachfrage der Wirtschaft und Unternehmen orientiert und dient somit den Bedürfnissen des kapitalistischen Systems.
Auch der Bildungsstand und Geldbeutel der Eltern spielt eine große Rolle, weil diese ihren Kindern oft bei Hausaufgaben und Lernen helfen müssen, oder die Nachhilfe finanzieren. Zusätzlich liegen zum Beispiel GymnasiastInnen ihren Eltern 4 Jahre länger auf der Tasche, als HauptschülerInnen, die sofort mit der Lehre beginnen. Nicht alle Familien können sich das leisten, vom Studium ganz zu schweigen.
Hinzu kommt, dass eine bewusste Aussortierung der Schüler regelrecht erwünscht ist.
Beherrschen alle SchülerInnen den Stoff gut, fällt der Test dementsprechend schwer aus. Denn die Notenskala soll ganz ausgenutzt werden, um den Unterschied zwischen den Schülern heraus zu arbeiten. Angestrebt wird immer ein Ergebnis mit einigen guten, einigen schlechten und vielen SchülerInnen im Mittelfeld. Ziel ist ein Resultat, in dem vorprogrammiert ist, dass ein gewisser Teil der Klasse durchfällt.
Durch Noten wird also von klein auf ausgesiebt, kategorisiert, und in verschiedene gesellschaftlichen Klassen eingeteilt. So beliefert der Staat letztendlich die Ökonomie mit gut vorsortierten Arbeitkräften, die durch die lange Zeit der Schule und Ausbildung fein säuberlich getrennt wurden in eine wissende und gebildete Elite und eine große Masse an ungebildeten Arbeitern, die somit auch keine andere Chance haben, als als billige Arbeitskräfte zu schuften.
Dieser Umstand ist wichtig sowohl für die Wirtschaft als auch den Staat und es liegt nicht in deren Interesse, diesen zu ändern. Mehr noch, sie setzen alles daran, ihn beizubehalten.
Doch auch die Wirtschaft, Banken und Konzerne können gar nicht anders, als diese, ihre Interessen zu vertreten, denn auch sie sind dem Konkurenzdruck und Leistungszwang untereinander ausgesetzt. Auch sie sind dem herrschenden System des Kapitalismus unterworfen, und müssen somit, um nicht unterzugehen ihre knallharte Linie verfolgen. Denn wer das Spiel des Kapitalismus nicht mitspielt gibt seine Vorteile auf und öffnte so den Konkurrenten Tür und Tor. Es ist also im System inbegriffen, dass nur der rücksichtsloseste und rational denkenste Unternehmer überlebt, mit allen Nebenwirkungen, die das nach sich zieht.
Eine wirkliche Veränderung des Schulsystems ist also niemals im Einzelnen zu erreichen, sondern kann nur Hand in Hand gehen mit einer grundlegenden Revolution des gesamten vorherrschenden Systems. Soll heißen nur durch die Abschaffung des Kapitalismus in all seinen Varianten und Spielformen, kann auch die Bildung so gestaltet werden, dass sie nicht mehr den Interessen des Marktes unterliegt, und letztendlich zur wirklich „freien Bildung“ für alle werden kann.
Deshalb Schülerinnen und Schüler organisiert euch!
Bildet euch, bildet andere, bildet Banden!
Kommt zum Forum aktiver Schülerinnen und Schüler hier in Landshut!